• Endlich hab ich es geschafft, den Bestseller von Mariana Leky zu lesen. Ich halte viel von dieser Autorin, die mich mit ihren Büchern in den Bann zieht. Ihr Roman „Was man von hier aus sehen kann“ ist so wenig distanzierte Erzählung und so viel nachvollziehbares Gefühl. Ich hab mich selten so mittendrin, so als Teil dieser Geschichte gefühlt. Was mich fasziniert ist, wie sie die Geschichte jedes einzelnen Menschen erzählt.

    Du und ich, wir sehen nicht weit. Es gibt immer Dinge, die ausserhalb unserer Reichweite und auch ausserhalb unseres Verständnisses liegen. Dazu gehören vor allem grosse Themen wie Liebe, Zukunft und Tod. Greifbar werden sie erst, wenn sie schon viel zu nah sind. Und dann kann man die Zukunft kaum mehr Zukunft nennen.

    Gerade hierin erlebe ich eine Korrektur meines Denkens und sogar meines Glaubens. Im pfingstlerisch-freikirchlichen Kontext, in dem ich Erfahrungen gesammelt habe, beschäftigt man sich viel mit der Zukunft: Eine zukünftige Stadt suchen wir. Die Zeichen der Zeit wollen wir nicht verpassen. Wir müssen vorbereitet sein, wenn der König kommt. Er wird alles neu machen.

    Das Zukunfts-Wunschdenken hat mich gelehrt, die Hoffnung niemals aufzugeben. Aber es hat mir wenig über meine Gegenwart beigebracht, ausser, dass ich sie nicht so wichtig nehmen soll. Manchmal hat mir die Flucht nach vorne den guten, vielleicht schmerzhaften Blick auf das Jetzt verschlossen. Und je mehr ich mich mit Menschen unterhalte, desto überraschter bin ich, dass nur wenige von ihnen mit mir in meinem Jetzt bleiben können. Ich werfe es ihnen nicht mal vor – ich kann es oft auch nicht.

    „Ich weiss es nicht.“ Einer der am häufigsten verwendeten Sätze meiner letzten Jahre. Ich dachte, ich werde schlauer mit der Zeit. Wahrscheinlich ist es sogar genial zu wissen, dass man wenig weiss. Die innere Spannung zerreisst mich oft. Doch von hier aus kann ich die Antwort nicht sehen! Noch nicht. Ich muss bleiben. In mir. In der Ungewissheit. Zunächst die Gegebenheiten akzeptieren, die ich sehen kann. Und dann akzeptieren, dass ich die Zukunft noch nicht sehen kann.

    Ich erinnere mich an ein Computerspiel, welches ich als Kind häufiger gespielt habe. Man konnte ein Auto nach links und rechts steuern, während es eine Strasse hinauffuhr. Hindernissen musste man ausweichen, Taler einsammeln. Die Grafik war noch 2D und auch wenn man das Gefühl hatte, dass das Auto sehr schnell fuhr, war es am Ende die Strasse, die sich auf das Auto zubewegte. Das Auto bewegte sich ganz unspektakulär an gleicher Stelle hin und her!

    Möglicherweise lebt es sich leichter, wenn wir nicht versuchen, die Zukunft zu lenken und stattdessen die Zukunft auf uns zukommen lassen. Dann müssen wir uns nicht nach vorne tasten bis wir Antworten finden, sondern wir empfangen Erkenntnisse. Wenig spektakulär. Doch total faszinierend. Auch Gottes Reden geschieht im Jetzt – es kommt uns entgegen, wenn wir bereit sind – und benötigt Wachsamkeit, kein Erzeugen.

    Dieses Empfangen ist kein Stillstand. Es hält uns in Bewegung – nur auf eine andere Weise. Das Hin- und Herbewegen macht uns reicher an Erfahrungen. Manche Bewegung wird Routine, andere benötigt noch Übung. Doch selbst vertraute Begegnungen mit der Zukunft können sich als völlig neue Erfahrung entpuppen. Deshalb ist es schwer, aus dem Leben Formeln abzuleiten. Ich kann von meinem Heute erzählen – doch von hier aus sehe ich nur, was sich bereits vergegenwärtigt hat. Alles andere bleibt Vermutung.

    Vielleicht klingt das nach einem Leben in Passivität. Doch im Vergleich zur Flucht nach vorne liegt unsere Verantwortung im jetzigen Moment, denn nur hier sind wir fähig, auch nach unseren Eindrücken zu handeln. Und wirklich wertzuschätzen, was gerade an Gutem passiert, im Vertrauen auf morgen. Ganz nach dem Liedtext von Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag …“

  • Das neue Jahr wird hoffentlich eines, in dem sich Überforderungen nicht so anhäufen, wie ein Stapel ungelesener Postsendungen, während man zwei Monate nicht zuhause ist. Glücklicherweise gibt es die Möglichkeit, dass ich bei mir so zuhause bin, dass sich die Post gar nicht erst ansammelt und die Anspannung, die noch ungelesene Nachrichten mitbringen, wieder verfällt, sobald ich ihre Botschaft entziffert habe.

    Hinter meiner mal kleineren, mal grösseren Nervosität gibt es immer eine Nachricht, die sich verbirgt. Ich versuche, hinzuhören. Zumindest trainiere ich das seit kurzem. Die mentalen Muskeln müssen pumpen und freuen sich, wenn sie durch die regelmässige Übung besser mit den Ereignissen des Lebens klarkommen.

    Dabei hatte ich mir für dieses Jahr „nur“ vorgenommen, glücklich zu sein. Das kann ja nicht so schwer sein, oder? Dachte ich. Es stellt sich heraus: Auch dieses Ziel ist eines, welches sehr viel abverlangt. Wie um alles in der Welt wird man glücklich?

    Unser Postbote klingelt an der Tür. Ich versuche, rechtzeitig aufzumachen, aber er ist flink. Er klingelt nicht, um wirklich ins Haus zu kommen, sondern wirft unsere Pakete vor den Eingangsbereich.

    Klingeln und abhauen. Gehen so nicht die Momente des Alltags mit uns um? Flüchtig ziehen sie an uns vorbei und wir erwischen sie nicht – wir hören nur die quietschenden Reifen ihrer gerade verflogenen Gegenwart.

    Damit bleibt uns die Botschaft eines jeden Tages verwehrt – das, was uns das Heute zuflüstert, bleibt vor der Tür liegen und findet den Adressaten nicht. Das Glück könnte mein Herz erreichen, wenn ich nicht nur vom Fenster aus zuschaue, sondern das Empfangen der Momente des Alltags zentraler Bestandteil des Lebens wird.

    Ich denke an einen Umbau. Möglicherweise ist der Transportweg nicht intakt, der den Sender mit dem Empfänger verbindet. Doch wie kann mein Gehirn gute Botschaften empfangen, wenn es jahrelang eine Autobahn an negativen und hektischen Denkanstössen konstruiert hat, die vorgeben, unter Denkmalschutz zu stehen? Die ersten Renovierungsmassnahmen sind getroffen, aber so schnell geht das nicht. Mir scheint, der Weg zum Glück braucht sehr viel Ausdauer.

    Dreckig werden, abreissen, vernichten, loslassen, Vision suchen, Material wählen, neu bauen, verputzen, veredeln, dran bleiben. Manchmal müssen wir Treppenstufen hinaufsteigen, die jede für sich wichtig sind, um ganz bei uns anzukommen. Schritt für Schritt. Es ist wichtig, herauszufinden, auf welchem Untergrund unser Herz anfängt zu laufen.

    Hauptbestandteil des Bodens, der mich zur nächsten Stufe trägt, ist: Frieden. Ich habe Frieden geschlossen mit dem, was gerade in mir ist. Ich weiss, dass ich Zeit habe, Entscheidungen zu treffen, die mir wichtig und richtig sind. Doch wenn ich das Hier und Jetzt nicht würdige, stehen alle Gedanken über die Zukunft im Schwebezustand.

    Seit ich diesen Boden gespürt habe, jage ich dem Frieden nach und will ihn einfangen, in ein Reagenzglas, ihn beobachten und herausfinden, was er braucht, um zu wachsen und zu gedeihen.

    Aber Glück lässt sich nicht konservieren. Glück benötigt unsere volle Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Oft empfange ich Nachrichten, die mein Körper zuerst überbringt. Mein Körper ist mir geschenkt, nicht als Hindernis, sondern als das Gefäss, das sich der Gegenwart nicht entziehen kann. Anwesenheit schliesst meinen Körper mit ein, also ist es mir eine Aufgabe, in meinem Körper präsent zu sein. Mein Körper möchte mir etwas sagen und ich höre ihm zu. Zuhören und darauf eingehen bedeutet ein liebevoller Umgang mit mir selbst.

    Echte Begegnungen – mit mir selbst und anderen – das bedeutet Glück für mich. Doch bevor wir empfangen können, müssen wir aufmachen. Eine geschlossene Tür gibt Schutz, doch werden auch die guten Botschaften an ihr abprallen, wenn wir uns zu sehr abkapseln. Wir können nur empfangen, wenn wir uns auch zeigen. Das benötigt Mut. Und Zeit. Möglicherweise gibt es Menschen, die 2x klingeln und auf dich warten.

    Für dieses Jahr möchte ich Glück erwarten. Oder wie mein Pastor sagt: „Mach die Dankbarkeit zu deinem Chorus!“ Deshalb ruf ich es laut in meine Wohnung hinein: Glück darf in Zukunft hier wohnen! Ich freue mich auf den Einzug und lege ihm eine Fussmatte vor die Tür: „Herzlich willkommen“.

  • Wer starke Meinungen hat, der scheint so fertig. So abgeschlossen. So sicher. So resistent gegenüber anderen und anderem. Deshalb löschen mich Meinungen ohne deren Geschichten oft ab. Weil sie so final auftauchen und man nicht sieht, dass sie womöglich über Jahre gewachsen sind. Im besten Fall.

    Sieht man das Herz hinter Worten, dann kann eine Verknüpfung aufgebaut werden – nicht immer zum Gesagten, aber immer zu unseresgleichen. Denn wir sind alle Menschen.

    Es entsteht ein Band. Das Band, das die Einheit bewahrt. Man kann auf einen Zug aufspringen. Menschen in ihrer Entwicklung sehen und ab und zu, bewusst oder unbewusst, eine neue Weiche stellen. Oder einfach nur zuhören und schauen, wie Gott sein Werk im Innersten seiner Geschöpfe formt.

    Es ist wunderschön. Gottes Geist hat Zeit. Seine Taten sind das, was du beobachtest, wenn du die Natur betrachtest. Sie ist langsam. Ihr Rhythmus natürliches, tägliches Wachstum. Sie ist konträr zu unserer Natur, unserem Rhythmus, der sich immer mehr dem „Instant“ angleicht.

    Das optimierte, smarte Leben zeugt von Schnelligkeit, Dringlichkeit, Erschreckensmomenten. Digitale Polarisierungsversuche können schnell über die Empfindsamkeit von Menschen hüpfen, die in ihren Entwicklungsprozessen Schutz benötigen. Jeder von uns trägt in gewissen Themen kleine Pflänzchen in sich, die in Gefahr stehen, rausgerissen bzw. mitgerissen zu werden – an einen Ort, der sich für den Moment sicher anfühlt, aber langfristig keine Sicherheit bietet.

    Wir bauen für geistliche Wachstumsprozesse mittlerweile viel weniger Gewächshäuser – wir säen wild und ernten Hass. Manche christlich geprägten Kommentarspalten jubeln sogar, dass die Hälfte der Ernte verfault. Verantwortung wird dafür nicht übernommen, nur Lorbeeren im Himmel gesammelt.

    Die Möglichkeit, Gottesdienste zu streamen, öffnet viele Safe Spaces. Die Suche nach politisch relevanten Plattform-Pastoren nimmt ihren Lauf und tendenziell leiten uns Evangelisten, denn nur ihre Schärfe ist medientauglich. Hirtenherzen finden, meiner Erfahrung nach, immer weniger Gehör.

    Was im heute stärker verkündeten Endzeitmodus fehlt – schlimm, dass es ein Modus ist, der erlaubt, radikal zu sein – ist ein Raum zur Entwicklung. Wäre da nur das JA zu Jesus und nicht der Rattenschwanz, welcher Lebenseinstellung, politische Haltung und Verhaltensweisen mit einbezieht, könnte man entschieden leichter auf das JA reagieren.

    Doch finde ich diese Weite, ja, eine aushaltende Gnade in den Medien immer seltener. Ich behaupte, dass Gnade die Grenze hat, das Schlechte niemals gutzuheissen. Dennoch kann sie so weit reichen, im noch nicht Angekommensein auszuharren – gerade deshalb, weil wir es alle nicht sind. Denn an der Liebe zueinander erfahren wir von unserem genialen Gott, Vater, König, Schöpfer, Herr.

    Wir benötigen Zeit und nicht Streit, um wahrhaftig voranzukommen. Keiner geht schneller, nur weil er gehetzt und angebrüllt wird. Es mag nach aussen hin so wirken, dass das Internet entschiedene Jesusnachfolger zaubert, die auf einer Euphoriewelle das Land einnehmen. Doch erlebe ich immer wieder, dass eine Followerschaft auch schnell enttäuscht werden kann, wenn der geistliche Held sich doch nicht als Marionette der eigenen Meinung herausstellt.

    Und deshalb scheinen mir diese christlichen Übersprungshandlungen wie eine Falle für das menschliche Auge. Und da ich sie aus meinem früheren Glaubensleben kenne und ich die tiefe Angst verspüre, dass gewisse menschengemachte Versprechen nicht wahr werden, kann ich dem christlichen Instant-Angebot nichts mehr abgewinnen. Es ist wie Einatmen von alter, schlechter Luft. Es enthält für mich keinen frischen Sauerstoff mehr und ich ersticke an seinen Worten.

    Setz dich. Die Worte einer Freundin, die mir vorschlägt, dass ich nicht davonrennen soll. Wie oft bin ich vor mir weggerannt, um reinzupassen. Wie oft habe ich den Drang verspürt, mein Menschsein zu polieren, um dem Hype zu verfallen. Ich wollte meinen Arm ausreissen, um mich zu heilen und zu heiligen. Und habe dabei entdeckt: Mein Christsein war die grösste Motivation, mich selbst zu verraten.

    Auf der Flucht zu sein – das ist die Krankheit unserer Zeit. Schöner. Schneller. Besser. Die gefühlt heiligsten Jesusnachfolger entsprechen heute den besten Vermarktern, Designern, Inszenatoren. Man kann nicht mehr unterscheiden, ob Instagram oder Jesus am unsichtbaren Faden zieht – aber die Interpretation ist hinfällig. Was gut aussieht und richtig klingt, genügt der Verehrung. Und das ist eine Message, die nicht mal ausgesprochen werden muss. Sie kommt an in den Köpfen. Das neue Evangelium.

    Und die Versuchung ist gross. Mitzumachen und wegzurennen. Einfach schön auszusehen, denn die Vokabeln hätte ich drauf. Und plötzlich bekommt „das Herz bewahren“ eine ganz neue Bedeutung. Ich muss es davor bewahren, von mir selbst ignoriert zu werden. Ich muss es davor bewahren, die 2. und 3. Klasse zu überspringen, nur weil mir jemand verspricht, ich könnte das Abitur auch früher in der Tasche haben. Warum sind wir nur so Abschluss-geil? Warum ist das Sich-selbst-Werden eine angsteinflössende Bedrohung, wenn es nicht der Geschwindigkeit unseres Umfelds gleicht?

    Setz dich. Wenn du dich gerade ähnlich fühlst, dann setz dich zu mir. Ich muss mich oft dazu entscheiden und bin immer noch sehr schlecht darin. Sitzen ist so kontrovers zu dem inneren Impuls, etwas zu sagen oder mich zu verteidigen. Aber sitzen hilft, um bei sich selbst zu bleiben.

    Bevor Jesus davon spricht, er sei die Wahrheit, bezeichnet er sich als den Weg. Das ist schön. Stell dir einen Wanderweg vor, mit Aussichtsbänken, Pausen und Zeit, deinen Blick um dich schweifen zu lassen. Wer in ihm bleibt, der darf sich bewegen und muss nicht schon angekommen sein. Auf diesem Weg ist Unsicherheit ein gewichtiger Teil der Reise. Sie bestimmt meine Freiheit, denn in ihr ist die Liebe, sich immer wieder zu entscheiden. Für Menschen. Und für Gott.

    Ich wünsche mir, dass wenn der Mut steigt, über Jesus zu predigen, auch der Mut steigt, denjenigen eine liebevolle Hand hinzustrecken, die unter einem Meinungsberg vergraben liegen. Und wenn du das bist, der sich gerade hier unter diesem Berg befindet, dann möchte ich dich ermutigen: Zieh dich zurück und kämpfe nicht an der Front, damit du dich um dein Herz kümmern kannst.

    Ich habe es oft genug zugelassen, dass mir Meinungen auf meinem Weg meine Pausen rauben. Dass sie die Aussicht hässlich zeichnen oder meinen Blick flüchtig schweifen lassen – aus Angst, ich entdecke, dass ich mich gänzlich verlaufen habe.

    Doch Gott ist nicht so. Er spricht mich mündig. Er traut mir zu, befähigt mich und hat Geduld. Und wenn mir jemand einen anderen Gott predigt, entfolge ich ihm. Denn mit ihnen möchte ich nicht länger sitzen. Mit mir schon.